1-, 2-, 3- oder 4-strängige Anschlagkette – die Entscheidungshilfe
Wie viele Stränge Ihr Kettengehänge wirklich braucht – nach EN 818-4, mit Modusfaktoren, Beispielrechnung und Praxisfehlern
Von links nach rechts: 1-, 2-, 3- und 4-Strang-Anschlagkette GK8. Alle Varianten tragen am Aufhängering – die Strangzahl bestimmt, wie viele Anschlagpunkte Sie belegen und welchen Faktor Sie nach EN 818-4 auf die Tragfähigkeit eines Strangs anwenden dürfen.
Die Frage kommt im Einkauf und in der Werkstatt ständig: Reicht eine 2-Strang-Kette, oder muss es die 4-Strang-Kette sein? Wer nur nach dem Preis entscheidet, kauft entweder zu viel Kette oder – deutlich gefährlicher – ein Gehänge, das bei der konkreten Last gar nicht ausreicht. Dieser Beitrag hilft Ihnen, die richtige Strangzahl nach EN 818-4 auszuwählen, ohne in die Tabellenrechnerei abzurutschen.
Inhalt auf einen Blick
- Was die Strangzahl technisch bedeutet
- Modusfaktoren nach EN 818-4 im Überblick
- Beispielrechnung: 8 mm und 10 mm GK8
- Entscheidungshilfe nach Lastart
- Typische Fehler aus der Praxis
- Checkliste vor der Bestellung und vor dem Hub
Was die Strangzahl technisch bedeutet
Eine Anschlagkette (Kettengehänge) besteht aus einem Aufhängering, einem oder mehreren Strängen aus Rundstahlkette und je einem Endglied – meist einem Lasthaken mit Sicherungsfalle. Die Tragfähigkeit (WLL) wird auf dem Kettenanhänger angegeben und gilt immer für einen bestimmten Neigungswinkel-Bereich.
Je mehr Stränge, desto mehr Anschlagpunkte können Sie belegen und desto besser lässt sich die Last verteilen. Mehr Stränge bedeuten aber nicht automatisch die vierfache Tragfähigkeit. Die Norm berücksichtigt, dass bei mehrsträngigen Gehängen in der Praxis nicht jeder Strang gleich viel Last aufnimmt – etwa durch Toleranzen, unterschiedliche Längen oder starre Lasten.
Modusfaktoren nach EN 818-4 im Überblick
Für Kettengehänge mit symmetrischer Lastverteilung gelten folgende Faktoren auf die Tragfähigkeit eines Strangs (Neigungswinkel β zur Senkrechten):
| Strangzahl | β bis 45° | β über 45° bis 60° | Ungleiche / unbekannte Verteilung |
|---|---|---|---|
| 1-Strang | 1,0 (senkrecht) | – | 1,0 |
| 2-Strang | 1,4 | 1,0 | 1,0 |
| 3-Strang | 2,1 | 1,5 | 1,0 |
| 4-Strang | 2,1 | 1,5 | 1,0 |
Merksatz: Ein 4-Strang-Gehänge trägt rechnerisch nicht mehr als ein 3-Strang-Gehänge gleicher Kettendimension. Der vierte Strang bringt Stabilität und einen zusätzlichen Anschlagpunkt – aber keine zusätzliche Tragfähigkeit.
Beispielrechnung: 8 mm und 10 mm GK8
Die folgenden Werte sind gerundete Richtwerte für Kettengehänge der Güteklasse 8 und dienen der Orientierung. Maßgeblich ist immer die Kennzeichnung auf dem Kettenanhänger Ihres Gehänges.
| Kette GK8 | 1-Strang | 2-Strang bis 45° / 45–60° | 3-/4-Strang bis 45° / 45–60° |
|---|---|---|---|
| 8 mm | 2,0 t | 2,8 t / 2,0 t | 4,2 t / 3,0 t |
| 10 mm | 3,15 t | 4,4 t / 3,15 t | ca. 6,6 t / ca. 4,7 t |
Praxisbeispiel: Ein Stahlblock von 3,5 t soll mit Anschlagwinkel von rund 50° gehoben werden. Eine 2-Strang-Kette 10 mm trägt in diesem Bereich nur 3,15 t – zu wenig. Eine 3- oder 4-Strang-Kette 10 mm erreicht ca. 4,7 t und liegt sicher darüber. Alternativ wäre eine 2-Strang-Kette 13 mm eine Option, wenn nur zwei Anschlagpunkte vorhanden sind.
Ein 4-Strang-Gehänge hebt einen Stahlblock an vier Anschlagaugen waagerecht an. Die Last hängt ausgeglichen, der Neigungswinkel bleibt unter 60° – nur dann sind die Modusfaktoren nach EN 818-4 anwendbar. Bei starren Lasten trägt in der Praxis nicht jeder Strang gleich, deshalb rechnet man mit dem Faktor von 3 Strängen.
Entscheidungshilfe nach Lastart
| Situation | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Last mit einer Öse, senkrechter Hub, Schnürgang | 1-Strang | Einfach, flexibel, voller Faktor 1,0 bei senkrechtem Zug |
| Zwei Anschlagpunkte, Träger, Rohre, Profile | 2-Strang | Symmetrisch bis 45° mit Faktor 1,4; Schwerpunkt muss zwischen den Punkten liegen |
| Drei Anschlagpunkte, runde oder dreieckige Lasten | 3-Strang | Statisch bestimmt, die Last sucht sich stabil ihre Lage |
| Vier Anschlagpunkte, Maschinen, Platten, Behälter | 4-Strang | Stabile Lage bei breiten Lasten; Faktor wie 3-Strang |
| Unterschiedliche Lasten im Wechsel | 2-Strang plus Verkürzung | Länge an die Last anpassen, Neigungswinkel im zulässigen Bereich halten |
Eine Faustregel für den Betrieb: Wählen Sie die kleinste Strangzahl, die den vorhandenen Anschlagpunkten entspricht. Zusätzliche Stränge ohne Anschlagpunkt bringen nichts – ein nicht belasteter Strang wird am Aufhängering eingehängt und darf nicht lose herunterhängen.
Typische Fehler aus der Praxis
- Tragfähigkeit pro Strang mit der Strangzahl multipliziert: Aus „4 × 2,0 t“ werden eben keine 8 t. Es gilt der Faktor der Norm – hier maximal 2,1.
- Neigungswinkel geschätzt: Steile Gehänge sind kürzer und damit „handlicher“, liegen aber schnell über 60°. Kurz messen oder Gehänge verlängern.
- Nur zwei von vier Strängen belastet: Bei 4-Strang-Ketten tragen bei starren Lasten oft nur zwei Stränge die Hauptlast. Deshalb der konservative Faktor – nie dagegen rechnen.
- Ungenutzte Stränge hängen frei: Sie schwingen, verhaken sich und gefährden Personen. Am Aufhängering einhängen.
- Schwerpunkt nicht beachtet: Bei ungleicher Lastverteilung gilt der Faktor 1,0 – für 2-Strang-Gehänge reicht dann nicht mehr die doppelte, sondern genau die einfache Strangtragfähigkeit.
- Kettenanhänger fehlt oder ist unleserlich: Ohne Kennzeichnung darf das Gehänge nicht weiterverwendet werden.
Verantwortung im Betrieb
Die Auswahl der Strangzahl gehört in die Gefährdungsbeurteilung und in die Betriebsanweisung. Wer Anschlagmittel auswählt, muss Last, Schwerpunkt, Anschlagpunkte und Neigungswinkel kennen. Ergebnis der Beurteilung kann eine feste Zuordnung sein, zum Beispiel: „Maschinenplatten mit vier Ösen: 4-Strang 10 mm. Profile bis 3 m: 2-Strang 8 mm, Neigungswinkel unter 45°.“ Hinzu kommt die regelmäßige Prüfung durch eine befähigte Person nach DGUV Vorschrift 52 und die Sichtprüfung vor jedem Einsatz.
Wichtig: Die Wahl der Strangzahl ersetzt nie die Prüfung der Anschlagpunkte. Ein 4-Strang-Gehänge an nicht tragfähigen Ösen bleibt ein Risiko. Hier sind Anschlagpunkte nach EN 1677-1 bzw. am Bauteil vorgesehene Lastaufnahmepunkte zu verwenden.
Checkliste vor Bestellung und Hub
- ☐Gewicht und Schwerpunkt der Last sind bekannt und dokumentiert.
- ☐Anzahl und Lage der tragfähigen Anschlagpunkte sind festgelegt.
- ☐Neigungswinkel β bleibt unter 60°, möglichst unter 45°.
- ☐Tragfähigkeit laut Kettenanhänger für den tatsächlichen Winkelbereich liegt über dem Lastgewicht.
- ☐Ungenutzte Stränge sind am Aufhängering eingehängt.
- ☐Sichtprüfung durchgeführt: Längung, Verformung, Risse, Verschleiß, Sicherungsfalle intakt.
- ☐Prüfzeugnis und Prüfnachweis nach DGUV Vorschrift 52 liegen vor.
Fazit
Die richtige Strangzahl ergibt sich aus Anschlagpunkten, Lastgewicht und Neigungswinkel – nicht aus dem Bauchgefühl. 1-Strang für den senkrechten Hub, 2-Strang für Profile und Träger, 3- und 4-Strang für Lasten mit mehreren Anschlagpunkten. Rechnen Sie immer mit den Faktoren der EN 818-4 und mit der Kennzeichnung am Anhänger, und Ihre Gehänge bleiben im sicheren Bereich.